Samstag, 10. März 2012

London calling 2012: Patrick Stewart in "Bingo. Scenes of Money and Death" im Young Vic

Anlass für unsere London-Reise war neben unserem Hochzeitstag der Umstand, dass sich der Gatte zum runden Geburtstag im letzten Jahr wünschte, einmal Patrick Stewart auf der Bühne zu sehen. Der ist, was viele nicht wissen, nicht nur Star Trek-Captain Jean-Luc Picard, sondern auch Mitglied der Royal Shakespeare Company.

Während unseres letzten Urlaubs spielte Stewart den Shylock im Merchant of Venice in Stratford, aber "mal eben" für die Vorstellung von London nach Stratford zu fahren, erwies sich als ausgesprochen kompliziert (es sei denn, wir hätten uns mit einem Mietwagen in den Linksverkehr gestürzt) und unterm Strich fast so teuer wie eine weitere London-Reise, da Eintrittskarten, zweites Hotelzimmer in Stratford, da die Bahn oder ein Bus die Strecke Stratford-London nach Theaterschluss nicht mehr bedient, und Fahrkarten benötigt wurden.

Aber Ende Februar würde Stewart in London auf der Bühne stehen, nicht in einem Shakespeare-Stück, sondern als Shakespeare, in "Bingo". Bingo! Ich fackelte nicht lange, buchte eine weitere London-Reise und schenkte sie samt den flugs online gebuchten Theaterkarten dem Gatten, dem es um Stewart und nicht um Stück oder Rolle ging, zum Geburtstag.

Außenansicht vom Young Vic (Quelle: Wikipedia)
Das 1946 gegründete Young Vic ist ein Theater im Süden Londons, unweit der Waterloo Station. Es besteht aus mehreren Gebäudekomplexen. Der Haupteingang, in dem auch die Tageskasse ist, ist der Verkaufsraum einer ehemaligen Schlachterei, wie sich unschwer an den noch erhaltenen Kacheln erkennen lässt. Ursprünglich war das Theater nur als kurzfristiger Notbehelf in der Nachkriegszeit gedacht. Schnell wurde es fester Bestandteil der Londonder Kulturszene und ist fest im Stadtteil verwurzelt, sozial engagiert und bemüht, Menschen ins Theater zu bringen, denen diese Kulturform sonst eher fremd ist.

Eigentlich wollten wir im zum Theater gehörenden Lokal The Cut vor der Vorstellung essen, aber obwohl es gerade mal sechs Uhr war, war das Restaurant im Erdgeschoss schon proppenvoll. So tranken wir nur etwas an der Bar im Obergeschoss, auf dem Balkon, wo leider kein Essen zu bekommen war, und landeten in The Fire Station. Es hätte in der Nähe noch andere Möglichkeiten gegeben, aber die waren entweder ebenfalls proppevoll oder sagten dem Gatten nicht zu, weil es nur Essen auf die Hand gab. Und inzwischen hatten wir nur noch eine knappe Stunde bis zum Beginn des Stücks, also nicht wirklich Zeit, zu suchen.

Eine Besonderheit des Young Vic ist, dass der Zuschauerraum für jedes Stück neu gestaltet wird. Für "Bingo" war die Bühne minimalistisch, wie es sicher auch Edward Bond vorgesehen hat. Trotz Englisch-LK und Angelisitik-Studium war mir dieser Autor bislang entgangen. Der 1934 im Norden Londons geborene Dramatiker gilt als Marxist und schreibt Stücke, die von Brecht beeinflusst sind.

Das 1973 uraufgeführte Stück "Bingo. Scenes of Money and Death" spielt in den letzten beiden Lebensjahren Shakespeares, 1615 und 1616, auf dessen Gut in Warwickshire. Wenngleich die Handlung fiktiv ist, ist das Kernthema des Stücks real: Es geht um Landnahme, weg von kleinteiliger Landwirtschaft hin zum Großgrundbesitz und um einen Vertrag, der Shakespeare Einnahmen aus seinen Ländereien garantiert zum Nachteil der Kleinbauern, die das Land bislang für ihn bewirtschafteten. Was für Shakespeare mehr Wohlstand bedeutet, bringt den Kleinbauern Existenzverlust und Armut. Landflucht und Vertreibung sind die Folgen, die das Stück ebenfalls aufgreift.

Die Inszenierung ist großartig und sehr eindringlich. Es war ein Geschenk, Stewart als Theaterschauspieler erleben zu dürfen. Ich hoffe, dass ich nochmal Gelegenheit dazu bekomme. Bühnenbild und Effekte sind minimalistisch, was die Eindringlichkeit des Stücks zusätzlich unterstreicht. Wir hatten Plätze in der fünften Reihe und saßen mitten im Geschehen, denn die Bühne erstreckt sich weit in den Zuschauerraum, die Akteure agieren zum Teil aus dem Publikum heraus. "Bingo" wird noch bis zum 31. März aufgeführt. Wenn Du die Chance hast, das Stück zu sehen, nutze sie!

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Kommentare:

  1. Patrick Stewart? Live? Auf der Bühne? *kreisch*

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  2. Jaaaa, und sogar zum Greifen nahe. Und der Kerl sieht verdammt gut aus *schmacht* Und hat eine Bühnenpräsenz ... Es war schlicht grandios.

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  3. Da sieht man wie unteschiedlich man ein Stück auffassen kann. Wir sind zu dritt (und nicht nur wir) kopfschüttelnd aus dem Young Vic am Montag gelaufen.
    Schauspielerisch hat uns keiner überzeugt, das Stück machte wenig sinn,..

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  4. In unserer Vorstellung leerte sich das Theater auch. Für uns unverständlich ...

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