Montag, 6. August 2012

Rezension: Der Toten gedenken – Indische Frauen bitten zu Tisch von Bulbul Sharma

Der Toten gedenken - Indische Frauen bitten zu Tisch (Front-Cover)Manchmal ist das virtuelle Leben merkwürdig: Kurz nach einer FB-Plauderei über Blumenkohlcurry sehe ich, dass Blumenkohl das Juli-Thema im Gärtnerblog ist und stolpere bei Blogg Dein Buch über das Cover von „Der Toten gedenken – Indische Frauen bitten zu Tisch“. Bei so viel Blumenkohl auf einmal bewarb ich mich gleich um das Buch und bekam ein Rezensionsexemplar.

Das Cover ist schon ein wenig blutrünstig. Ich musste spontan an ein im Hirn steckendes Messer denken. Die Assoziation zum Krimi aber kam mir nicht (das Buch ist auch kein Krimi), aber zum Kochbuch, weil ich kochbekloppt bin und wegen des Untertitels, und so war ich dann doch ein wenig enttäuscht, dass in dem Buch keine Rezepte sind. Um es vorweg zu nehmen: Das ist, neben einem fehlenden Glossar, aber auch schon der einzige Wermutstropfen. Das Buch ist ansonsten sehr lesenswert und zieht den Kauf eines indischen Kochbuchs nach sich.

In dem schmalen Buch stecken eine Fülle von Schilderungen und Erlebnissen des Alltags indischer Frauen, eingebettet in einen Leichenschmaus zu Ehren des Todestags des Familienoberhauptes Bhanurai Jog. Es ist Sitte, dass die Frauen aus seinem engen Umfeld all die Lieblingsmahlzeiten des Verstorbenen als Leichenschmaus persönlich zubereiten, und so treffen sich morgens um sechs neun Frauen unterschiedlichen Alters, bereiten die Zutaten vor und die Speisen zu und kommen dabei ins Erzählen. Vorher war die Hauptköchin sogar schon auf dem Markt – den Frauen steht also ein langer Tag bevor.

So wichtig wie die Auswahl der Zutaten ist auch, wer sie verarbeiten darf. So wird der Kürbis traditionell von der zweitältesten Frau geschnitten, die gemeinsam mit der ältesten die Gemüseschneider anführt und auf keinen Fall schnell schneiden darf als die älteste.

In dem schmalen Buch sind neu Geschichten gesammelt, kurze Geschichten, die sich zügig hintereinander weg lesen lassen. Sie handeln beispielsweise von einer jungen Frau, die von ihrem Mann betrogen wird und die Dinge, die sie auf diesen Betrug hinweisen, wie Kinokarten, sammelt, ohne zu wissen, was sie damit machen wird, wie Souvenirs aus einer für sie verschlossenen Welt oder von einer alten Frau, die, verwitwet, von ihrer Familie getrennt in London lebt, wo ihr Mann durch einen Sprung aus einem Hotelfenster starb. Jetzt, alleinstehend, ist sie wie gestrandet in einer für sie noch immer fremden Welt, während ihr Sohn in den USA lebt und nicht daran denkt, seine Mutter zu sich zu holen.

Das Buch zeigt auf wunderbare Weise, dass Familien und Familienbande überall auf der Welt gleich funktionieren, denn auch jemand wie ich, dem Indien sehr fremd ist, erkennt in den von Sharma geschilderten Dramen des alltäglichen Lebens durchaus den einen Verwandten oder die andere Verwandte wieder – oder sich selbst. Sharma charakterisiert ihre Figuren knapp, treffend und liebevoll. Das Büchlein mit witzigen, bewegenden und traurigen Geschichten lässt sich flott lesen, die Sprache ist sehr anschaulich.

Interessant ist der Verlag epidu, den ich vorher genauso wenig kannte wie die Autorin. Epidu ist Deutschlands erster Web 2.0-Verlag, das heißt, die Leser bestimmen u.a. über Facebook mit, welche Manuskripte erscheinen. Ein spannendes Konzept, trifft doch die digitale Welt auf nicht-löschbare nicht-lineare Datenspeicher. In Indien erschien das Buch bei Zubaan, einem unabhängigen feministischen Verlag. Gerne erführe ich mehr über die Autorin als dass sie als Künstlerin, Autorin und Lehrerin für behinderte Kinder arbeitet, früher einmal russische Literatur in Moskau studierte und ein Buch über die Vogelwelt Indiens illustrierte. Google half ein wenig. Hier und hier gibt es ein wenig mehr über sie zu erfahren, und hier gibt es ein Video mit ihr zu sehen. Hier kannst Du "Der Toten gedenken" kaufen. Ich hoffe, dass weitere Bücher von Bulbul Sharma ins Deutsche übersetzt werden.

Kommentare:

  1. Das Buch mit den Kochrezepten wäre dann dieses hier: http://www.amazon.de/Das-gro%C3%9Fe-indische-Kochbuch-Originalrezepten/dp/3453404319

    Ich mag ja irgendwie Krimis in denen es um Essen geht. :)

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  2. Danke für den Tipp! Ich hoffe, es kam rüber, dass "Der Toten gedenken" kein kulinarischer Krimi ist ... Sonst müsste ich das noch mal besser herausstellen.

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