Mittwoch, 31. Oktober 2012

Hamburger Original und original Hamburger: Rundstück warm

Rundstück warm - na ja, strenggenommen ein Brötchen mit
Bratenresten und Sauce.
Während einige norddeutsche Rezepte nicht so wirklich "ausländertauglich" sind - ich erinnere hier nur an Bohnen, Birnen und Speck - schafften andere es sogar in die Neue Welt und wieder zurück. Dazu gehören Labskaus und Rundstück warm bzw. dessen Weiterentwicklung, der Hamburger.

Unter einem Rundstück versteht der Hamburger ein Brötchen - nicht irgendeines, sondern ein Weizenbrötchen ohne Einschnitte, das auch nicht rund ist, sondern oval. Eigentlich müsste das Rundstück unter Naturschutz gestellt werden, denn immer weniger Bäcker haben es noch - und die, die es haben, nennen es oft nicht Rundstück, sondern Schrippe. Schockschwerenot! Da klauen uns die Berliner erst die Currywurst und dann das Rundstück! Lasst uns einen Verein zur Rettung des Rundstücks gründen! Denn ohne Rundstück ist ein Rundstück warm eigentlich nur ein Brötchen mit Braten und Sauce - und genau das gab's bei uns jüngst zum Abendessen. "Ich hab' total vergessen, wie lecker das ist", schmatzte der Gatte glücklich. Stimmt. Auch ich aß Rundstück warm zuletzt als Kind. "Wenn wir das nächste Mal Braten übrig haben, müssen wir das unbedingt wieder machen", verlangte der Gatte, und ich stimmte mit vollen Backen zu.

Rundstück warm ist ein Klassiker der Resteverwertung, und wie bei vielen guten Klassikern gibt es zur Entstehung verschiedene Geschichten. Es gibt Hinweise, dass die ersten warmen Rundstücke von Bäckereien und Fleischern schon nach dem Dreißigjährigen Krieg verkauft wurden, meistens montags, wenn vom Sonntagsbraten Fleisch- und Saucenreste übrig waren. Noch 'n büschen Saure Gurke und Tomate dazu, und fertig war ein leckerer Imbiss, der sich gut transportieren ließ - so gut, dass ihn die Menschen, die über Hamburg nach Amerika auswanderten, als Reiseproviant mitnahmen. In den preiswerten Zwischendecks mussten sich die Passagiere in der Anfangszeit der Auswanderungsreisen nämlich noch selbst verproviantieren. Sie gaben dem Gericht den Namen des Ortes, wo sie es kennenlernten, und so entstand vermutlich der Hamburger.

Ziemlich parallel gibt es auch die Zubereitungsweise mit einem Hackfleischklops aus Beefsteak. Auf der Weltausstellung 1904 wurde so ein Sandwich unter dem Namen „Hamburg“ verkauft. Alternativname war „Hamburger Stück“, woraus „Hamburger Steak“ wurde. Aber andererseits taucht schon 1842 der Begriff „Hamburger Steak“ in einem amerikanischen Kochbuch auf. Zwischen zwei Brotscheiben gelegt, wurde aus dem Hamburger Steak ein Hamburger Sandwich. Einer anderen Theorie zufolge ging 1885 auf einem Jahrmarkt in der Nähe der Stadt Hamburg bei Buffalo im US-Bundesstaat New York einem Imbisstand den Menches-Brüdern der Hot Pork, also Schweinebraten, aus. Sie nahmen stattdessen Rindfleisch, das sie wolften und mit braunem Zucker, Kaffee und allerlei Gewürzen mischten. Jahre später eröffnete die Familie ein Restaurant in Akron, Ohio, wo es noch heute Hamburger nach dem Originalrezept gibt. Nach Hamburg und nach Deutschland kam der Hamburger dann nach dem Zweiten Weltkrieg mit den GIs, und heute ist er in aller Munde.

Noch sind wir nicht beim Hamburger. Noch sind wir beim Rundstück warm. Dessen Ursprung könnte auch auf der Reeperbahn liegen, in der Deutschen Weinhandlung, wo drei Hafenarbeiter im Winter 1890 warmen Schweinbraten essen wollten. Wirt Rober Renning kam, warum auch immer, auf die Idee, den Braten kalt und die Sauce warm zu servieren, reichte Brot, Saure Gurken und Tomate dazu und gab allem dem Namen Rundstück warm. Nach Renning übernahm Heinrich Heckel das Lokal und reklamierte die Erfindung für sich.

Egal, wer's erfand: So'n Rundtsück warm ist ausgesprochen lecker und deswegen mein Beitrag zu Heikes Butterbrot-Event.
Butterbrot Event
Rundstück warm

Zutaten für 1 Portion:
1 Rundstück
1 - 2 Scheiben Braten vom Vortag
Bratensauce, ebenfalls vom Vortag, ggf. verdünnt, falls sie schon zu sehr nachdickte
1 Saure Gurke, in Scheiben geschnitten
1 Tomate, in Scheiben geschnitten

Zubereitung:

Die Bratensauce langsam erwärmen. Wir geben auch die Bratenscheiben in die Sauce, aber Traditionalisten schwören auf den Kontrast von warmer Sauce zu kaltem Braten und servieren das Fleisch kalt.

Das Rundstück aufschneiden, die untere Hälfte auf einem Teller platzieren, mit Braten belegen und die Sauce darüber geben. Mit der oberen Brötchenhälfte bedecken,mit Gurke und Tomate sowie extra Sauce servieren. Ist genügend Sauce da, wird das Brötchen richtig damit getränkt und richtig lecker.

Kommentare:

  1. Beim Lesen der Hintergrundinfos hätt ich wirklich gern in ein Rundstück warm gebissen. Trotz der frühen Uhrzeit :)

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    1. Oh, das schmeckt auch phantastisch zum Frühstück ;o)

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  2. Mir ging es da wie Heike und jetzt hab ich Hunger! Interessant wie es oft viele Wege zur Geschichte eines gerichtes gibt
    Liebs Grüessli
    Irene

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    1. Beim nächsten Bratenrest einfach ausprobieren ;o) Liebe Grüße zurück in die Schweiz!

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