Sonntag, 2. Dezember 2012

Szenen einer Ehe: Fliegerlied

Blick auf das Rollfeld von Terminal 1 des
Frankfurter Flughafens.
Freitag.

Sie: Darf ich am nächsten Wochenende nach Frankfurt fliegen? [Die Frage ist rein rhetorisch. Es ist schon alles in trockenen Tüchern. Aber mann soll ja das Gefühl haben, mitbestimmen zu dürfen].

Er: Du machst doch eh', was du willst! Aber was willste da?

Sie: Pressereise. Könntest auch mit. Willste ja abba eh' nich'. Bringste mich zum Flughafen? Flieg' auch erst um zehn.

Er, grummelnd: Na gut.

Sie: Holste mich auch Sonntag wieder ab?

Er: DAS AUCH NOCH??? Nee, dann bringe ich dich lieber weg.

Sie: Äh, Schatz, wennste mich lieber wegfliegen als ankommen siehst, dann ham wir 'n Problem und müssen reden!

Er denkt sich: Scheiße! Egal, waste gezz sagst, es is' falsch! Was sagste bloß?!

Er flötet: Naaaatüüüürliiiich hole ich dich auch ab, Schatz! Und bringe dich hin, egal, wie früh! Kannst mich ja an jeder roten Ampel aufwecken, wenn sie grün wird.

Uns wird der Frankfurter Flughafen im Detail erklärt.
Mittwoch.

Er führt das tägliche Telefonat mit seiner Mutter. Sie will nicht hinhören, kann aber die Sätze "Meine Frau kann doch verreisen, wann und wohin sie will!" und "Ich lasse meine Frau nicht mit der S-Bahn fahren!" aufgrund ihrer Lautstärke nicht überhören.

Donnerstag:

Er: Wann müssen wir denn übermorgen los?

Sie: So gegen acht. Ich wollte aber mit dem Auto zur S-Bahn fahren. Oder ich nehme ein Taxi. Wird ja gezahlt.

Er: Jetzt fang' du nicht auch noch an! Meine Mutter liegt mir schon seit drei Tagen in den Ohren, dass du schon wieder verreist und dass ich dich zum Flughafen bringe. Schließlich hast Du zu Hause genug zu tun, sagt sie. Du kannst ja zurück ein Taxi nehmen!

Irish Coffee wird auf dem Hoteldach serviert.
Sie denkt sich: Moment, hatten wir diese Diskussion so ähnlich nicht schon mal?!

Freitag:

Er: Weck' mich morgen bitte nicht erst kurz vor acht. Ich brauch' mindestens 'n Kaffee, bevor ich mich ans Steuer setze.

Sie ist unsicher, ob Sie überhaupt fahren wird, denn sie ist so verspannt, dass Sie sich kaum aufrichten, kaum gehen kann.

Sonnabend.

Sie wälzt sich um 6.22 Uhr aus dem Bett und schlurft in die Küche, zur Kaffeemaschine. Kaum ist der Kaffee fertig, schleicht Er durch die Wohnung, ignoriert ihr "Du hättest noch 'ne halbe Stunde schlafen können".

Wegzehrung für den Dachspaziergang.
Um 7.45 Uhr ist Er fahrbereit. Sie hat noch nicht mal den Koffer zu Ende gepackt.

Um 8.05 Uhr sitzt Sie im Auto. Er sprintet noch mal in die Wohnung, weil Sie ihr Schlafschaf vergaß. Sie isst im Auto Käsetoast, was zur Folge hat, dass Er ihre Klamotten beim Abschied auf Flecken geschmolzenen Käses kontrollieren muss. Und den Autositz. Im Übrigen hasst er es, wenn im Auto gegessen oder getrunken wird. Es ist immer noch das neue Auto.

Während der Fahrt.

Sie: Was soll ich dir denn mitbringen?

Er: Was Schönes!

Dem Hotel auf's Dach gestiegen.
Sie: Ach! Und womöglich noch was zu spielen? Und Schokolade?

Er: Einen Hasen! Aber keinen häßlichen! Und keinen auf Krampf! Aber wenn Ihr einen esst, erwarte ich, dass du ihn vor dem Kochtopf rettest. Sieh' zu, wie du das machst und wie du ihn ins Flugzeug krichst!

Sie sieht sich mit einem zappelnden Langohr unterm Arm an der Sicherheitskontrolle stehen und den Beamten klarmachen, dass das nur ein wahnsinnig gut animiertes Stofftier ist, auch wenn der Knopf im Ohr fehlt ...

Um 10 Uhr sitzt Sie im Flieger, ohne Zwischenfälle bei der Sicherheitskontrolle. Das ist Sie nicht gewohnt. Normalerweise muss Sie sich nackich machen. Hinter ihr nimmt eine österreichische Fernsehköchin Platz. Sie denkt sich: Passt! Und: Ob ihr Gatte sie wohl auch zum Flughafen brachte? Oder ob sie ein Taxi nehmen musste? Die Fernsehköchin ist übrigens auf dem Weg nach Frankreich und kann nicht stricken, bekommt Sie in ihren kurzen Wachphasen mit.

Alles so schön bunt hier! Und da ist auch
endlich ein Wegweiser zum Hotel.
Um 11.15 Uhr landet die Maschine in Frankfurt. Sie ist völlig erschlagen von den Dimensionen des Flughafens. Die Fernsehköchin holt sich an einen der Stände erstmal was zur Stärkung. Das hätte Sie auch tun sollen, denn der Weg zur Gepäckausgabe ist weit. Sehr weit.

Um 11.45 Uhr hat sie endlich zu ihrem Koffer gefunden. Als nächstes fände Sie gerne das Hotel. Gut, Sie hat eine Anfahrtsskizze. Die nützt ihr aber gerade nichts, da Sie sich mal wieder im Grundmodus Verpeiltes Frettchen befindet und noch nicht mal weiß, ob Sie in Terminal 1 oder 2 unterwegs ist. Aber dass Sie in Frankfurt ist, weiß sie. Jedenfalls setzt Sie voraus, dass sich der Pilot nicht verflogen hat.

Um 18.30 Uhr telefoniert Sie mit dem Gatten. Der beantwortet die Frage, was er gerade mache, mit "Ich bin am Fischen!" Sie denkt sich "Er hat bestimmt Wischen gesagt".

Sonntag.

Um 10 Uhr steht Sie mit einem Irish Coffee in der Hand (man soll zwar immer mit dem weitermachen, womit man aufhörte, aber Wasser wäre ja langweilig) auf dem Hoteldach und läßt sich den Flughafen erklären.

Hotelzugang von der Fußgängerbrücke in Terminal 1.
Um 13.35 Uhr irrt Sie durch das Terminal auf der Suche nach dem Flughafen. Sie findet nur den Bahnhof. Sie würde gerne jemanden nach dem Weg zum Flughafen fragen. Blöderweise ist Sie ja aber schon am Flughafen - so viel bekommt Sie zumindest noch mit.

Inzwischen ist Sie so verstrahlt, dass Sie jede Absperrung umrempelt. Mit dem Segway stellte sie sich eindeutig besser an. Sie rettet sich an einen Lufthansa-Schalter. Dahin muss Sie eh', weil Sie ihren Koffer aufgeben muss. "Bitte sagen Sie mir, wie ich mit dem Flieger nach Hamburg komme", fleht Sie. "Ich finde nur den Bahnhof!"

Ein A380 im Anflug auf Frankfurt.

Der freundliche Mensch am Schalter nimmt den Koffer entgegen und labelt ihn. "So, Ihr Koffer ist schon mal auf dem Weg nach Hamburg", sagt er. Sie überlegt, ob Sie dem Koffer hinterher springt, denn am Ende das Laufbandes müsste doch der Flughafen sein.

Ihr wird der Weg zum Terminal haarklein erklärt. Sie merkt sich nur "Rechts!" Links ist Ihr grundsätzlich lieber, aber links ist der Bahnhof, und dahin will Sie ja nicht.

Um 13.45 Uhr hat Sie dank der Hilfe des Bodenpersonals dann tatsächlich den Flughafen gefunden. In zehn Minuten startet Royal Jordanian nach Amman. In einem akuten Anfall von Heimweh überlegt Sie, ob Sie es noch schafft, wenn Sie Pumps und Beine in die Hand nimmt. Alles Wichtige hat Sie dabei: Kreditkarte und Schlafschaf. Ach, Mist, der Gatte fehlt! Okay, dann brav zur Maschine nach Hamburg.

Das Schlafschaf ist bereit für den Rückflug.
Um 13.55 Uhr hat das Sicherheitspersonal am Röntgenschirm viel Spaß beim Betrachten eines Hexenhäuschens und eines Twitter-Logos aus Zucker.

Um 15 Uhr sitzt Sie im Flieger und könnte abheben. Der Pilot ist grundsätzlich der gleichen Meinung, aber ein Koffer ist anderer Meinung. Er ist in der falschen Maschine. Also, der Koffer. Nicht der Pilot.

Sie lernt, dass das Gepäck im A319 händisch verladen wird, nicht in Containern. Der Koffer muss gesucht werden. Von Hand. Das dauert.

Um 16.30 Uhr ist Sie wieder in Hamburg. Sie entschuldigt sich beim Gatten für die Verspätung. Der antwortet: Was sind schon 15 Minuten, wenn man auf den liebsten Menschen der Welt wartet!

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Das hätte man mit ein bisschen gutem Willen dem Gatten zuliebe auch retten können. Das hätte ihn sicher schwer beeindruckt, so als Liebesbeweis und kleines Merci für den Fahrdienst. Und die Schwimu würde bei so einem Mitbringsel künftig auch keine Sprüche mehr machen. ;-)

      Löschen
    2. Zumal das Rind schon fachgerecht zerlegt und vakuumiert war ;o)

      Löschen
  2. Es geht doch nichts über männliche Komplimente. Knapp formuliert, aber ehrlich ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, er sagt viel mit wenig Worten. Bei mir ist es umgekehrt ;o)

      Löschen

Ein Kommentar, wie schön! Ich bemühe mich, alle Kommentare zu beantworten. Allerdings kann das manchmal etwas dauern - das Leben neben dem Blog, Du verstehst. Wenn Du Dich durch eine Sicherheitsabfrage quälen musst oder der Kommentar erst moderiert wird, heißt das, dass es gerade viele Spamkommentare gibt. Last but not least: Ich behalte mir vor, einzelne Kommentare zu löschen. Für die Löschung von Kommentaren, die zu kommerziellen Webseiten führen, stelle ich dem Webseiteninhaber 200 Euro in Rechnung.