Montag, 17. Juni 2013

Rezension und Produkttest: Die Avantgarde der deutschen Winzer und Riesling-TBA von Melsheimer

Die Avantgarde der deutschen Winzer - Slow Wine und seine Erzeuger im Porträt. (Front-Cover)Es war auf irgendeinem Flug, ich weiß nicht mehr, wohin, als ich einem Bordmagazin von zwei jungen Winzern las und davon, wie sie ihre Weine entwickeln, welche Gedanken sie sich um den Standort ihrer Reben machen, wie sich der Boden auf den Geschmack der Trauben auswirkt usw.

Der Artikel beeindruckte mich, aber es dauerte lange, bis ich mich intensiver mit Wein beschäftigte und bis zu meiner ersten Weinprobe. Bei der allerdings hatte ich längst meinen eigenen Weingeschmack entwickelt, und binnen eines halben Jahres lernte ich mehr von Wein, als dem Gatten lieb sein konnte. Wobei: Über „Lecker!“ und „Nicht lecker!“ bin ich immer noch nicht hinaus.

Inzwischen habe ich mein eigenes Weinregal, aus dem sich allerdings auch der Gatte immer öfter bedient, und eine Handvoll Winzer, bei denen ich hin und wieder bestelle. Maßstab ist dabei immer, ob’s mir schmeckt, und es ist spannend für mich, zu beobachten, wie sich mein Geschmack verändert.

Da Wein zunehmend ein Thema für mich ist, freute ich mich sehr, als ich bei Bloggdeinbuch ausgewählt wurde, das Buch „Die Avantgarde der deutschen Winzer. Slow Wine und seine Erzeuger im Porträt“ aus dem Oekom-Verlag zu rezensieren und eine Flasche Wein von einem der vorgestellten Winzer zu verkosten. Die Weine wurden unter den teilnehmenden Blogs verlost.  

Die Autoren Ulrich Steger und Kai Wagner sind davon überzeugt, dass „jeder große Wein […] zuerst im Kopf entsteht.“ Der Wein werde geprägt durch Werte und Ziele der Winzer, ihr Können, ihre Erfahrungen und ihre Persönlichkeiten. Dabei spüren die Autoren den Fragen nach, was einen hochwertigen Wein auszeichnet, welche Rolle der Geschmack spielt, wie wichtig Anbau, Verarbeitung und Stil des jeweiligen Winzers sind. Das entspricht meiner Ansicht seit der Lektüre des oben erwähnten Artikels.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Der erste ist eine Einführung in die Welt von Slow Wine, im zweiten werden die Weine und ihre Macher vorgestellt. Hier hätte ich mir eine Gliederung nach Regionen gewünscht, aber die Autoren wählten eine Gliederung nach Zeitpunkt der Umstellung des jeweiligen Weingutes auf nachhaltigen Weinbau. So gibt es die „Bio-Pioniere“, die „Mentoren“, die, die eher „Slow als Öko“ sind, die „Unorthodoxen“, die „Quereinsteiger“ und die, welche die Autoren auf „Dem Weg nach ganz oben“ sehen. Zu guter Letzt werden Weingüter vorgestellt, denen die Autoren noch fünf Jahre Zeit geben möchten.

Steger und Wagner besuchten die vorgestellten Weingüter und verkosteten ihre Weine. Jeweils ein Wein wird als Empfehlung vorgestellt, was auch als Kaufempfehlung gesehen werden kann - ein guter Service für alle, die beginnen, Wein kennenzulernen, finde ich. Es ist spannend zu lesen, wie die jeweiligen Winzer ihren Wein entwickeln, wie sie ihn beurteilen und ausbauen.

Reiler Mullay-Hofberg
Riesling TBA 2010
Bei der Verlosung der Flaschen der vorgestellten Weingüter erhielt ich eine  Reiler Mullay-Hofberg Riesling Trockenbeerenauslese 2010 vom Weingut Melsheimer an der Mosel, das zu den Bio-Pionieren gehört und seit 17 Jahren Öko-Weinbau betreibt (das Weingut ist seit etwa 200 Jahren im Familienbesitz). Ganze fünfzig Prozent der elf Hektar des Weingutes sind Steillagen, also zum Teil sehr schmale, sehr steile Parzellen, die nur mit kraft zehrender Handarbeit bearbeitet werden können. Die kargen Schieferböden bringen überwiegend Rieslinge hervor.

Der Mullay-Hofberg wird erstmals 1143 erwähnt und ist laut Steger / Wagner eher eine Kletterwand als ein Weinberg (auf der Internetseite zum Riesling Molun von Melsheimer ist ein eindrucksvolles Foto, das klar macht, was Steillage heißt).

Meine Eltern reisten in den 1980er Jahren regelmäßig an die Mosel, um sich mit Wein einzudecken. Die Weine habe ich in schlechter Erinnerung. Zwar weiß ich, dass sich seitdem vieles änderte, aber dennoch war die Riesling-TBA von Melsheimer  der erste Moselwein, den ich nach Jahrzehnten wieder bewusst trank.

Im Glas ist die TBA golden, dickflüssig. Ich finde, er riecht zitronig, ein wenig nach Karamell und stark nach Apfel. Den Apfel nehme ich auch im Geschmack wahr. Beim ersten Probieren war mir die Säure zu dominant (ich habe bei dieser Kostprobe gelernt, dass ich säurearm ausgebaute Rieslinge bevorzuge). Zwei, drei Tage später, als ich ein weiteres Glas trank, harmonierten Süße und Säure – wie Wein schmeckt, hängt wohl auch immer von der Tagesform ab (der des Weines und der des Trinkers).

Mit Sicherheit werden Melsheimer Rieslinge demnächst in mein Weinregal einziehen. Dabei bin ich besonders gespannt auf den „Vade retro“, der 2011 zum ersten Mal ohne Zugabe von Zuchthefen und Schwefel erzeugt wurde.

Das Buch „Die Avantgarde der deutschen Winzer. Slow Wine und seine Erzeuger im Porträt“ ist lesenswert für Wein-Einsteiger, aber auch für Weinkenner, die sich intensiver mit dem nachhaltigen Weinanbau beschäftigen möchten. In seiner hochwertigen Aufmachung mit vielen Fotos ist es ein schönes Geschenk für Weinfreunde.

Positiv finde ich außerdem, dass man es einfach so zum Schmöckern in die Hand nehmen kann und dass gerade jene, die Wein erst kennenlernen, nicht mit Fachchinesisch erschlagen werden (zudem gibt es ein Glossar). Zu jedem der vorgestellten Winzer gibt es detaillierte Kontaktdaten für die Weinbestellung oder die Reise zur Weinprobe vor Ort. Von mir gibt es eine klare Kaufempfehlung! Direkt-Link zum Kauf des Buches: Hier klicken.





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