Sonntag, 17. Juli 2011

Augustenfelder Platte auf Eppendorfer Art

"Und? Wie war's?" fragte der Gatte. "Augustenfelder Platte", antwortete ich. Diese zwei Worte sind ehe-intern die Steigerung von "Ich kann nicht mehr miff sagen." Oder von "Ich hab' Pansenlähmung." Und von "Ich ess' nie wieder was!" Also dem Kurz-vor-Platzen-Grad der Sattheit.

Die Augustenfelder Platte passierte uns vor vielen Jahren im Augustenfelder Hof in Dachau, wo wir auf der Fahrt Richtung Süden immer einige Tage Station machen, um Tante und inzwischen auch bushcook zu besuchen. Tante geht dann mit uns gerne in den Augustenfelder Hof, weil sie gerne dort isst, und das Lokal fußläufig erreichbar ist. An jenem bewussten Tag kamen wir aus Meran, hatten eine lange Fahrt hinter uns, hatten unterwegs zwar Station gemacht, aber irgendwie nichts Richtiges gegessen und abends großen Hunger. Richtigen Hunger. Also auf in den Augustenfelder Hof. Tante kam nicht mit, sie war schon einige Tage vorher nach Hamburg gefahren.

Nach sorgfältigem Kartenstudium meinte der Gatte, wir könnten mal die Augustenfelder Platte probieren. Die wurde nur ab zwei Personen serviert, die hatten wir noch nicht, und er könne sich ohnehin nicht so wirklich entscheiden, was er essen will. Auf der Platte wäre aber alles drauf, was er gerne äße. Hm. Der Kellner kam. Der Gatte bestellte die Platte und zwei Weizen. Der Kellner erbleichte: "Sind Sie sicher?" - "Ja, wieso?" Der Kellner wandte sich mir zu. "Sind Sie wirklich sicher?" - "Ja, das passt schon, mein Mann war zwei Wochen Bergsteigen, der hat jetzt Hunger." Insgeheim fragte ich mich, welches Problem der Kellner habe.  

Wir kapitulierten sofort, als die Platte auf dem eilends leer geräumten Sechs-Personen-Nachbartisch stand. Auf unseren mit zwei Personen besetzten Sechser-Tisch hätte sie nicht gepasst. Da wäre dann kein Platz mehr für Teller, Besteck und Gläser gewesen. Auf der Platte waren je zwei Mal Schnitzel Wiener Art, Cevapcici, Raznijici, Plljeskavica, Muckalica, dazu Reis, Pommes und Salat - auch jeweils in doppelter Portion. Ich streckte nach SchniPoSa die Waffen, während der Gatte tapfer weiter aß. Aber irgendwann konnte auch er nicht mehr. Auf dem Nachhauseweg jammerte er, ihm wäre schlecht (wovon bloß?), und bei Tante angekommen, legte er sich wimmernd flach auf den Boden, wo er bis zum nächsten Mittag reglos, aber wimmernd, liegen blieb. Mitten im Flur. Zum Glück waren weder Tante noch Dackel da. Der Dackel hätte jaulend in des Gatten Gewimmer eingestimmt und alle irre gemacht. Seitdem reicht die bloße Erwähnung der Augustenfelder Platte, um dem Gatten einen zarten Grünton ins Gesicht zu zaubern.

Warum ich das erzähle? Mir ist die Augustenfelder Platte wieder begegnet. In Eppendorf. Im trific. In wesentlich besser Qualität. Und mit ganz anderen Gerichten. Aber viel heimtückischer. Und so lecker. Sie kam gut getarnt als Reste-Essen daher. Okay, es war ein All you can eat-Angebot, aber wer ahnt, dass die das soooo wörtlich nehmen? S., im trific besser bekannt als meine Ich-esse-nur-Huhn-Begleitung, erklärte sich sofort bereit, mitzukommen, trotz der Ansage, gegessen werde, was auf den Tisch komme, auch, wenn es kein Huhn sei. Sie ist ja ohnenhin der Meinung, dass wir uns regelmäßig im trific treffen sollten. Also mindestens monatlich. Besser noch wöchentlich. Weil's da so lecker ist. Sagt sie. Ich glaube ja, der eigentliche Grund ist der Kellner.

Eine Karte gab's nicht. Das Reste-Essen begann ganz harmlos mit einem Gurken-Melonen-Shooter und den trific-üblichen Gemüsesticks mit Brot, Butter, Kürbiskernöl-Quark. Dann kamen marinierte Rote Bete mit Ziegenkäse; Linsen mit Lyoner Wurst und Chicken-Bacon-Quesadilla; Dorade mit Fenchelsalat; Huftsteak mit Green Tomato Relish; Schwedisches Urschwein mit Kartoffeln und Koriander-Möhren; Gemischte Blattsalate mit Honigdressing; Backhendl von der Maishähnchenbrust mit Kernöl-Kartoffelsalat, Dill-Gurkensalat, Spitzkohl-Slaw undundund ... Wir haben nicht gezählt. Nur gegessen, was auf den Tisch kam. Und das nahm irgendwie kein Ende.

Das Heimtückische war, dass die vermeintlich winzigen Portionen einfach immer irgendwie aus dem Nichts vor uns auftauchten, sich fast sechs Stunden lang in unsere Unterhaltung, die sich endlich mal nicht um's Haus, das Irre macht, drehte, schlichen, so dass wir gar nicht merkten, dass wir immer satter wurden. Und satter. Und satter. S. stellte irgendwann verblüfft fest, dass sie lauter Sache isst, die sie sonst nie anrührt. Und wie gut Rind schmeckt. Und Schwein erst. Und überhaupt alles. 

Das Hendl war der Gang, bei dem wir die Waffen streckten und den Kellner anflehten, und nur noch halbe Portionen zu bringen. "Das waren die ganze Zeit schon halbe Portionen, Mädels", lautete die Antwort. "Okay, dann viertel Portionen", flehte meine Begleitung augenaufschlagend. Ihr Wimpernklimpern erweicht normalerweise jeden Mann. Nicht so den Kellner. Der schüttelte nur den Kopf. "Achtel?" Kopfschütteln mit dem Zusatz: "Ihr könnt dann ja jetzt mit den Desserts weiter machen." Desserts? Plural? Oh, mein Gott. Wir warfen das Handtuch. Na ja, nicht ganz, denn der  Mascarpone-Fluff mit Erdbeeren und der Topfenknödel auf Aprikosenröster mussten irgendwie noch sein.

Irgendwann, vermutlich zwischen Blattsalat und Huhn, als wir schon komplett die Orientierung verloren hatten, stand Tanja Trific bei uns am Tisch und fragte, wie's aussähe. Wenn wir wollten, setze die Küche jetzt den Teig für den Kaiserschmarrn an. Wir wedelten nur schwach mit der Stoffserviette um Gnade. Mein "Ihr seid komplett verrückt!", schon irgendwann zwischen Dorade und Steak gequiekt, quitterte der Kellner nur grinsend mit einem "Wissen wir!" und setzte hinzu, die Küche habe gerade einen Riesenspaß. Na toll.

Tja, und von der ganzen Sause gibt es nicht ein einziges Foto. Wir waren nämlich so ins Genießen und ins Gespräch vertieft, dass ich daran nicht dachte. Aber was uns seit dem Verlassen des Lokals bewegt: Was hätte es eigentlich nach dem Hendl noch gegeben? Und kam irgend jemand über das Hendl hinaus? Ähm, und muss ich erwähnen, dass ich das Kilo Erdbeeren, das ich als Büro-Essen für den nächsten Tag kaufte, nicht aß? Dass ich zwei Tage überhaupt nichts mehr aß außer Evian in kleinen Schlucken? S. vermeldete am nächsten Tag, sie fühle sich irgendwie so gaga. Ob ich das kennte? Nein. Ich wusste nicht, was sie meinte. Ich war hellwach und total fit - jedenfalls, als ich zehn Minuten vor Arbeitsbeginn registrierte, dass ich immer noch im Bett lag, aus selbigem in die Klamotten und ins Auto sprang. Aber seltsamerweise bat ich bis nachmittags alle, die was von mir wollten, inklusive der Chefin, in einfachen, klaren Sätzen zu sprechen. Subjekt, Prädikat, Objekt. Komplexe Satzstellungen überforderten mich temporär. Die Pansenlähmung schlug aufs Hirn.

Bis Anfang August sind die Trifics in Urlaub, ist das Lokal untervermietet. Eine Woche kapert die Kitchen Guerilla die Küche (u.a. mit dem Wurstsack), und drei Wochen lang wird das Lokal tagsüber zu einer Pop-up Bar, herrschen Roaster & Baristi. Ich werde bestimmt mal vorbeischauen, wenn ich mit Foodie-Besuch durch Eppendof bummle. Das Food-Porn-und-Blind-Dates-Erlebnis vom März geht nämlich in eine zweite Runde.

Kommentare:

  1. Unter dem Tisch liegend vor Lachen kann ich nur zwei Sachen denken: 1. Ich wäre gerne dabei gewesen. 2. Ich wohne am falschen Ort.

    Herrlich!

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  2. Komisch, ich fühl mich so satt. Dabei habe ich heute morgen nur einen Toast mit Spiegelei und einen mit Johannisbeergelee gegessen... Wahrscheinlich hast Du mich jetzt mit Deiner Schwächelei angesteckt.

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  3. @ Jutta,
    ja, das wäre schön gewesen! Aber wenn Ihr in HH seid, holen wir das nach. Ihr esst dann einfach die Karte einmal rauf und einmal runter. Das passt dann schon.

    @ nata,
    ja, ich weiß, bei meinem Gewicht sollte ich wie ein Spatz essen können. Im trific kam ich dicht dran. Das war knapp die Hälfte meines Gewichtes.

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  4. Jetzt gibt sich die Küche solche Mühe und Ihr schwächelt hier so rum. Das geht gar nicht. Habt Ihr eigentlich geglaubt, daß Ihr zum Vergnügen da wart und dann auch noch die Fotos verschluddern....

    Na warte, bis ich komme...

    Interessanterweise ist die aktuelle Sicherheitsabfrage für diesen Kommentar nicht tatütata, sondern smstata. Moderne Zeiten!

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  5. Wenigstens war ich nicht so pflichtvergessen, dass ich vergaß, Herrn Paulsen um ein Autogramm zu bitten. Das signierte Buch liegt hier und wartet auf Dich.

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  6. Hach ja, das Trific *seufz* Wieso eröffnen die keine Dependancen in Kassel und anderen Städten, wo ich oft hinkomme?
    Eigentlich plante ich ja meinen Geburtstag in HH zu verbringen und abends dort essen zu gehen, mal sehen ob mein Geschmackssinn nach der OP im November da mitspielen mag ...

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  7. Ich wohn wohl auch am falschen Ort. *g* Obwohl: ich muß ja noch aufholen, im Hahnenhof war ich ja auch noch nicht.

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  8. @ Anikó,
    ich drück' die Daumen! Das wird schon!

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