Sonntag, 3. Oktober 2010

Bergdohlen, Bratwurstpalmen, Bayern-Pizza und ein eingemauerter Koch

Im Haus, das Irre macht, meinem Lieblingsbrötchengeber, geht’s derzeit drunter und drüber, so dass ich kaum zum Bloggen komme. Ich könnte schon wieder Urlaub brauchen …

Der letzte begann mit Hindernissen. Die Bahn erklärte uns beim Verladen auf den Autozug, dass unser Auto aus organisatorischen Gründen in den Zug nach Wien käme, nicht mit uns nach München. Ob unterwegs umgekoppelt würde, sagte man uns nicht. Wir sahen unser Auto schon an der Donau und uns an der Isar ... Ich saß also wartend auf dem Bahnsteig, der Gatte im Auto. Irgendwann fuhr der Zug nach Wien ab, ohne dass der Gatte oder sein Auto zu sehen waren. Oder ans Funktelefon gingen (der Gatte, nicht das Auto). Nun, ich habe eine orientalische Geduld und glaube, dass sich solche Sachen von selbst klären. Außerdem hatte ich den Fresskorb bei mir – ich denke materialistisch ;o) Und im Gegensatz zu den Mitreisenden musste ich weder auf quengelnde Kinder oder Hunde achten. Und ich kenne jetzt den kostenlosen Zugang zum öffentlichen WC im Altonaer Bahnhof. Hat ja auch was.

Als dann schließlich der Zug nach München hätte abgefahren sein sollen, der Gatte aber immer noch auf die Verladung nach Wien wartete, kam seinerseits die panische funktelefonische Nachfrage, ob ich schon unterwegs wäre. Nö. Vom Zug war weit und breit nichts zu sehen. Und warum sollte man die Fahrgäste über eine Verspätung informieren? Okay, ich gebe selbst zu, es wäre erwähnenswerter, wäre die Bahn zur Abwechslung mal pünktlich.

Mit gut zwei Stunden Verspätung wurden Auto und wir verladen. Meine Frage, wann wir denn ungefähr in München sein würden, beantwortete der Schaffner mit "Seinse froh, wenn wir überhaupt ankommen!" Ah ja. Um die Fahrgastfreuden vollständig zu machen, kam dann kurz nach der Abfahrt die Durchsage, dass aus organisatorischen Gründen die Liegewagenschläfer anders als sonst in diesem Zug kein Frühstück erhielten. Cool. Das nennt man Service. Der Gatte verstand plötzlich, warum ich eine Flasche Rotwein mitnehmen wollte ... Und da er immer Angst hat, wir könnten verhungern, hatten wir so viele Butterbrote, dass es für uns und die Mitschläfer für's Frühstück locker reichte. Und fürs Mittagessen. Und fürs Abendbrot. Aber so lange blieben wir zum Glück nicht im Zug.

Weiter ging’s dann in unser Hotel, kaum 10 Autominuten von Salzburg entfernt. Zum perfekten Urlaubsstart geht’s obligatorisch ins Café Reber in Bad Reichenhall zur Kuchenschlacht. Dort gibt’s die meiner Meinung nach besten Mozartkugeln – die Salzburger kommen da einfach nicht ran. Eis und Kuchen sind ebenfalls ein Traum und ihr Geld absolut wert.Allerdings scheint man dort keinen Wert auf’s Geldverdienen zu legen: Kaum hatten wir den letzten Schluck Kaffee getrunken, riss die trotz des leeren Lokals gestresste Kellnerin uns das Geschirr vom Tisch und befahl fragend: „Die Herrschaften möchten zahlen?“ Ähm, nö, ich hätte noch 'ne Latte vertragen, aber wenn man mich so höflich fragt … Ein wunderbarer Laden für Foodies ist Wassermann’s, auch wenn der Germanistin in mir das Deppenapostroph schmerzt.

Die nächsten Tage verbrachten wir mit Wandern – oder versuchten es zumindest, denn das Wetter war nur bedingt dazu geeignet. Proviant in Form von Käse, Salami und Brot war immer mit dabei.So gab’s dann nur eine größere Tour, auf den Predigtstuhl. Beim Abstieg, in der Pause in der Schlegelmulde, befand der Gatte, es sei mal wieder Zeit für eine Currywurst. Wer auf die blöde Idee kommt, das ausgerechnet in den Bergen zu essen, wird entsprechend bestraft. Das war eine der schlechtesten, die wir bislang aßen. Dafür gab’s ein Naturschauspiel. Kaum stand der Teller auf dem Tisch, hörten wir ein Flapp-Flapp, wurde uns schwarz vor Augen. Nein, so schlecht war das Essen dann doch nicht. Etwa 10 bis 15 Bergdohlen hielten im Tiefflug auf uns zu. Erst landeten sie auf dem Dachfirst. Dann auf der Bank. Schließlich auf der Tischkante. Eine nach der anderen hüpfte auf den Tellerrand, nahm einen Pommes und flog weg. Das Ganze ging so schnell, dass ich nicht zur Kamera greifen konnte. Hatte was von Hitchcocks Vögeln. Faszinierend.

Zum Hotel gehört ein Lokal namens Kleine Kneipe. Auf der Karte steht im Wesentlichen Frittiertes, Pizza, Salat und jede Menge Ziffern, die den Einsatz von Fertigprodukten kennzeichnen. Im letzten Urlaub aßen wir hier fast jeden Tag. In diesem Urlaub ließ sich Herr Kaoskoch auch erstmal nicht bremsen, obwohl wir inzwischen um solche Lokale einen großen Bogen machen, wenn's geht. Und so begegnete ich ihr erstmals in Echt: Der Bratwurstpalme. Literarisch lernte ich sie in Stevan Pauls wunderbarem Buch kennen. Hier lebt sie also noch, die Bratwurstpalme.
Da mich zwar die Bratwurstpalme begeisterte, der Rest aber nur mäßig, schleppte ich den Gatten zum benachbarten Hahnei Huaba. Und der begeisterte mit seiner bodenständigen, regionalen, saisonalen, auf Wunsch glutenfreien Küche, dem süffigen Bier und seinen freundlichen Bedienungen uns beide. Zwiebelrostbraten, Lammragout mit hausgemachten Spätzle, Kürbisschnitzel, Topfenstrudel – konnte man alles gut essen. Dem Gatten tat’s die Bayern-Pizza an. Na ja. Ich weiß jetzt einmal mehr, wie kulinarisches Grauen aussieht ;o)
Einmal wurden wir dem Hahnei Huaba noch abtrünnig: Ich hatte Lust auf chinesisches Essen, denn unser Hamburger Stamm-Chinese ist mit Einführung eines Büfett leider sehr schlecht geworden, auch wenn man wie wir à la carte isst. So kehrten wir bei Big Koch in Mitterfelden ein. Authentische asiatische Küche wird hier versprochen. Nun ja. Des Gatten süß-scharfe Suppe schmeckte nach Tüte, meine Tom Ka Gai war eine Kokosmilchbrühe mit viel Koriander und Hühnerfleisch, aber die Hauptspeisen waren sehr gut. Das tröstete über die gästeunkompatible Bedienung hinweg.Obligatorisch ist der Ausflug nach Salzburg. Abseits der Getreidegasse gibt es reizende Geschäfte, zum Beispiel Zur Küchenfee und Sweedy. Ein Glück für meine Waage, dass es den Laden nicht in Hamburg gibt. Hm, ob die versandkostenfreie Lieferung ab 40 Euro auch für Sendungen nach Deutschland gilt?! Eigentlich gehören Salzburg und das Tomaselli bei uns untrennbar zusammen, aber diesmal passte es einfach nicht. Der selbst rauchende Gatte empfand es als störend, dass im Lokal geraucht wurde, während es mir dort zu laut und zu überlaufen war.

Durch Zufall fanden wir die Konditorei Schatz im gleichnamigen Durchhaus – und entdeckten wirklich einen Schatz. Himbeerbusserl, Himbeer-Obers-Soufflé, Ribisel-Baiser-Schnitte und Himbeer-Obers-Torte wanderten in einen Pappkarton, um auf der heimischen Hotelzimmer-Terrasse genüsslich verspeist zu werden.Leider wurden die einzelnen Fotos unscharf, aber die lecker Teilchen sind ja größtenteils auf der Schatz-Homepage zu sehen. Ich muss unbedingt herausfinden, wie die diese himmlischen Baiser machen! Ach, und das, was wir Hamburger als Franzbötchen kennen, heißt dort Kopenhagener. Putzig. Und nur ein Rest Vernunft hielt mich davon ab, diverse Kilo Kekse zu kaufen. Oder kandierte Veilchen. Oder Petits Fours. Oder Mozartkugeln. Obwohl – vielleicht wären die besser gewesen als die von Reber? An mir nagt der Zweifel … Ist gerade jemand in Salzburg und könnte mal kurz? Nur eine? Per Post? Büddebüdde …

Am nächsten Tag holten wir Kuchen im Stadtcafé Schemmerer in Tittmonning – der Kuchen kam auch nicht annähernd an den vom Vortag heran. Aber das bei der Heimfahrt ein Kürbis auf ihn plumpste, überstand er problemlos. Kann man nicht von jedem Kuchen sagen. Nicht wirklich erwähnenswert war auch das Essen im Alten Weißbräu in Bad Birnbach, wohin uns der Besuch der lokalen Verwandtschaft führte. Die Sauce des Zwiebelrostbratens war allerdings beeindruckend: Mit der hätte man das Fleisch an die Wand kleben können. Dauerhaft. Das Charolais-Fleisch war wirklich gut – schade, dass die Sauce es nicht war. Dass ich mich an die bayerische Unsitte, Bratkartoffeln mit Kümmel zu verderben, nicht gewöhnen kann, dafür kann das Lokal nichts.

Auf der Burg zu Burghausen schließlich trafen wir auf den eingemauerten Koch.
Entgegen der Behauptung bayerischer Foodie-Freunde, das sei die gerechte Strafe für Bayern-Pizza und Bratwurstpalme, war es die Strafe für die unstandesgemäße Beziehung zu einer Herzogin oder für die versuchte Vergiftung seines Dienstherren. Egal, für den Tafelspitzsalat im Burgcafé musste der heutige Koch nicht eingemauert werden. Allerdings beschlich mich kurzfristig der Verdacht, in der DDR gelandet zu sein. „Hammwanich“ hieß es bei 90 Prozent der Speisekarte … Leute, dann streicht Eure Karte doch auf Tafelspitzsalat und Radler zusammen, menno.In Linz, wo gerade Sommer war, fuhren wir mit der Pöstlingbergbahn auf den Hausberg und genossen zur Blauen Stunde den Blick über die Stadt samt Essen beim Kirchenwirt. Hier das Backhendl auf Salat mit Kürbiskernöl.
Auf der Rückreise trafen wir uns zum ausführlichen Ratschen und Shoppen mit bushcook und ihrem Gatten in München. Auftakt war im Le Pain Quotidien am Platzl. Wir waren nicht so angetan wie Andrea, aber zum Leutegucken ist das Lokal ideal, wenn man einen Tisch auf dem Platzl hat. Schuhbeck trafen wir nicht – war wohl auch besser für ihn, denn um ein Kochbuch aus ihrer Sammlung signieren zu lassen, kämpft Bushi mit allen Mitteln. Als wir Mädels Tante Meier besuchten, bekam ihr Gatte den klaren Auftrag: „Falls Schuhbeck vorbei kommt, halt ihn auf. Werf notfalls das Kochbuch nach ihm. Und nimm das von Sabine, das ist schwerer. Aber knock ihn nicht zu sehr aus, er muss nachher noch unterschreiben.“ Dass kurze Zeit später ein RTW vorfuhr, hatte also nichts mit gezieltem Kochbuchweitwurf, sondern mit einer Maßkrugschlägerei im gegenüberliegenden Hofbräuhaus zu tun – es war Oktoberfestauftakt.

Tja, und so sieht es dann aus, wenn man zwei Wochen lang an kaum einen Laden vorbei gehen kann:Irgendwo im Auto sind noch zwei Spaghettikürbisse, und im Wäschekorb fand ich gerade ein Glas mit Sumach sowie Räucherware. Hm, vermutlich ist da auch irgendwo der Keksausstecher mit dem Münchner Dom …

Kommentare:

  1. Hallo,
    schade, daß ich erst nach meinem heutigen Besuch in Salzburg zum Lesen kam. Ich habe mich köstlich amüsiert! Ich wohne in der weiteren Gegend und komme deswegen öfter dorthin. Bei Cafe schwöre ich auf das im Mozart Wohnhaus-gegenüber vom Theater- und die besten Mozartkugeln sind die vom Cafe Fürst am Residenzplatz, bitte das nächstemal probieren!
    Liebe Grüße
    Trifolata

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  2. @ Trifolata, danke für die Tipps, werde ich gleich mal vormerken!

    @ AT, nicht so wahnsinnig wie die Ukraine, aber man nimmt, was man kriegen kann ;o)

    Demnächst wird hier wieder gekocht. Weiß jemand, wo in Hamburg man küchenfertige Bergdohle bekommt? ;o)

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  3. Was für ein Bericht - ich liege flach. Alien an Pommes aka Bratwurstpalme mit Sättigungsbeilage, ich kann nicht mehr.

    Sagenhafter Bericht, da weiß frau ja, was sie in Zukunft unbedingt auslassen sollte.

    In der Kleinmarkthalle gibt es Stoppelgänse, gildet datt auch?

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  4. Jutta, ich stehe gerade auf dem Schlauch. Was sollen mir die Stoppelgänse sagen?

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  5. Ach, die küchenfertige Bergdohle, jetzt verstehe ich *lach* Ich glaube, anner Bergdohle ist mehr dran ;o)

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