Samstag, 2. Juli 2011

Save Food-Event von Toppits mit Andreas C. Studer

Andreas C. Studer und Janin Reinhardt. Muss ich erwähnen,
dass Frau Küchenlatein und ich vor der Veranstaltung
nur eine Person auf dem Foto kannten?!
"Duuuhuuu, Andreas, geht es dir nicht auch oft so? Du weißt nicht, was du kochen sollst, kaufst irgendwas ein und schmeißt dann die Hälfte weg?" fragte Schauspielerin und Moderatorin Janin Reinhardt den TV-Koch Andreas C. Studer, der seit einigen Jahren Testimonial für Toppits ist. Frau Küchenlatein neben mir schnappatmete und ich ahnte: Wir beide sind eher weniger die Zielgruppe für die Save-Food-Iniative gegen Lebensmittelverschwendung.

Um die Kampgane vorzustellen, wurden Journalisten zu einem Restekochen mit Studer eingeladen. So rutschten dann auch wir beiden Foodblogger dazwischen.


Merke: Eine Spargelstange, die im Rohzustand
flexibel ist wie ein Vibrationsstab, hat ihre
beste Zeit schon gehabt - und die endet am
24. Juni, am Johannitag / Mittsommer.
Frau Küchenlatein bekam im Laufe des Abends noch öfter Gelegenheit zur Schnappatmung bei Aussagen wie: "Ach, die Spargelsaison ist zu Ende? Aber ich kann doch noch Spargel kaufen!" oder "Aber Andreas, wir müssen auf dem Teppich bleiben. Ein Pesto ist doch eher etwas für Fortgeschrittene!" Sie schnappatmete irgendwann so sehr, dass ein Fingernagel auf der Strecke blieb, sie nur noch neunfingerig kochte. Aber auch so meisterten wir gemeinsam das Pesto aus Rauke, mittelaltem Gouda (reine Verzweiflung. Einzige Alternative wäre Blauschimmelkäse gewesen), Olivenöl, Zitronensaft, Zitronenschale, Pinienkernen, Salz und Pfeffer, denn bei diesem PR-Termin wurde natürlich auch unter Leitung von Andreas C. Studer gekocht. Irgendwann bezwangen wir sogar den ausgesprochen zickigen Induktionsherd, und Frau Küchenlatein konnte beim Mörsern der Pinienkerne beweisen, dass sie Klöppel-Diplom vom Asia-Treffen zu Recht bekam.

Themen der Veranstaltung waren Strategien zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung und die geschickte Verwendung von Resten. Thema bei Frau Küchenlatein und mir war schnell die mangelnde Kochkompetenz von geladener Lokalpresse, aber auch von Food-Journalisten, also der Fachpresse. "Haben die denn alle bei ihren Müttern nichts gelernt?" schnappatmete Frau Küchenlatein irgendwann angesichts der Fragen oder Kommentare der überwiegend im Vergleich zu uns sehr jungen Frauen. Da ich durch den täglichen Umgang mit hoffnungsvollem akademischem Nachwuchs kaum noch zu erschüttern bin, hielt sich mein Erstaunen in Grenzen. Aber ich war irgendwo doch froh, dass ich nicht mehr als PR-Redakteurin arbeite. Ich zerbisse zu viele Tischkanten. Schnappatmung liegt mir nämlich nicht.

Crostini aus altbackenem Baguette mit Raukepesto
und Pinienkernen.
Natürlich ist die Initiative gegen Lebensmittelverschwendung lobenswert, werden doch in Deutschland jährlich 20 % der gekauften Lebensmittel weggeworfen. Sicher ist diese Zahl noch um ein Vielfaches höher, berücksichtigt man die Lebensmittel, die in Supermärkten weggeworfen werden, weil sie das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben. Leider arbeiten ja nicht alle Supermärkte mit den Tafeln zusammen. Dass die Verpackungsindustrie eine Initaitive gegen Lebensmittelverschwendung unterstützt, ist auch logisch, bietet es doch eine Chance, (neue) Produkte an den Mann / die Frau zu bringen.

Allerdings sind viele Foodblogger die falsche Zielgruppe für diese Toppits-Kampagne. Ich denke, die meisten von uns gehen sehr bewusst mit Lebensmitteln um, bewusster als andere Verbraucher, bewusster als Menschen mit wenig oder gar keiner Kochkompetenz. Für die meisten von uns sind Saisonalität und Regionalität immer wieder Thema. Genauso wie Resteverwertung. Natürlich gibt es auch unter den Foodbloggern Ausnahmen ... Bei mir aber hat das Bloggen dazu geführt, dass ich noch bewusster mit Lebensmitteln umgehe. Ich kann ja nicht Wasser predigen und Wein trinken. Außerdem müssen die dreiundzwölfzigtausend Rezepte von der Nachkochliste und aus den Kochbüchern abgearbeitet werden. Systematisch. Oder wie Mocat beim letzten Kochtreffen beim Blättern in den mitgebrachten Kochbüchern sagte: "Deine Kochbücher sehen immer so nach Arbeit aus." Stimmt. Die Zeiten, in denen Kochen entspannte, sind vorbei.

Nudelsalat mit Minz-Dressing.
Die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung beginnt bei uns schon beim Einkaufen. Beim Gatten und mir wird freitags oder sonnabends ein Speiseplan für die kommende Woche gemacht, an den wir uns halten - mal mehr, mal weniger. Wir sind immer noch so flexibel, dass spontaner Besuch nicht verhungert. Bevor wir aber spontan essen gehen oder auf dem Heimweg an der Frittenbude halten, überlegen wir schon, was auf dem Plan steht - und wenn etwas zu Hause auf's Gegessenwerden wartet, verschieben wir das Fremdessen. Das führt dazu, dass wir seltener Essen gehen. Und wenn, dann teurer und geplanter als früher, denn gute Qualität gibt es nicht zum Schleuderpreis, das haben wir inzwischen begriffen.

Wir gehen vor dem Einkaufen regelmäßig Tiefkühler, Kühlschränke und Vorratsregale durch und gucken, was wir daraus kochen können. Seitdem werden nur noch selten Lebensmittel weggeworfen. Und obwohl wir hochwertigere Lebensmittel als früher einkaufen, geben wir nur unwesentlich mehr Geld dafür aus. Es gibt Sonnabende, an denen geben wir keine 30 Euro (inkl. Tabak und Gedöns) für einen kompletten Wocheneinkauf aus, weil die Vorräte noch reichen. Manchmal entscheiden wir auch spontan um. Heute hätte es beispielsweise ein Huhn geben sollen, das ich auf dem Heimweg frisch beim Geflügelschlachter gekauft hätte. Im Kühlschrank liegt aber noch eine halbe Wassermelone, im Tiefkühler ist noch ein undefinierbarer Rest Rindfleisch (wir sollten die Gefriertüten beschriften ...), also gibt es Wassermelonen-Curry.  

Allerdings sind wir beim Einkaufen auch gerne mal undiszipliniert, wie dieses Foto beweist:
Eigentlich fuhren wir nur für eine Kiste Zitronen-Cola, die im Supersonderangebot war, in die Metro. Mehr wollten wir nicht kaufen. Na gut, Kartoffeln und Roastbeef waren noch auf der Liste. Aber das war alles. Deswegen war das Auto noch voller Pfandflaschen, die wir erst später zum Supermarkt bringen wollten. Keine Ahnung, wie der Rest in unseren Einkaufswagen kam. Die Rückfahrt war ein klassischer Fall von "Schatz, Du fährst wohl lieber mit dem Bus nach Hause ..." Und Roastbeef haben wir noch nicht mal gekauft. Ach, und bevor jemand fragt: Ja, das kann man alles essen. Die Spülmaschinentabs sind allerdings etwas crunchig und seifig im Abgang. Nicht im Bild: Eine weitere Kiste Selter und 10 kg Kartoffeln im Sack. Und als das Foto entstand, fuhren wir noch einen Kleinwagen.
Reste gibt es bei uns selten. Wir kochen jeden Tag frisch, was, seitdem auch ich vollzeit außer Haus arbeite, zugegebenermaßen anstrengend ist, aber nach über sechs Jahren weitgehendem Verzicht auf Fertigfutter gibt es kein Zurück. Wir kochen meistens vier Portionen. Eine esse ich, zwei der Gatte (jaaahaaa, ich weiß, ich sehe aus als wäre es umgekehrt) und die vierte nimmt er sich am nächsten Tag mit ins Büro. Bleibt eine Portion tatsächlich übrig, wird sie eingefroren. Oder aber das Essen wird gleich auf zwei Tage verteilt, dann müssen wir nach dem Sport nicht kochen, nur aufwärmen. Ich nehme mir Obst mit Joghurt oder Quark oder einen Salat mit ins Büro oder esse in der Mensa. Sind mal Lebensmittelreste da, die nicht im Salat landen, gibt es einen Auflauf. Weiß ich mal wirklich nicht, was ich aus Resten machen soll; finde ich nichts Passendes in meinen Kochbüchern, google ich, frage in einer meiner virtuellen Kochgruppen oder auf meiner Hamburg kocht-Facebookseite. Irgendwas geht immer. 

Pizza mit Brokkoli, Lachs und Grünem Spargel.
Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) interessiert uns außer bei Fisch und Fleisch nicht mehr. Wir verlassen uns auf unsere Sinne und prüfen ein Lebensmittel, bevor es vielleicht weggeworfen wird - und das kann tatsächlich auch mal vor Erreichen des MHD der Fall sein, denn auch schon vorher kann ein Lebensmittel mal ungezogen sein, so wie eine Terrine bei diesem Essen. Da sagten mir alle Sinne und der gesunde Menschenverstand, dass ich eine Terrine mit blau-grünem Belag garantiert nicht mehr essen werde, auch wenn das MHD sagt, dass ich es noch monatelang könnte.

So ein MHD dient im Wesentlichen der Industrie, die dadurch mehr Lebensmittel verkaufen kann. Dem Verbraucher wird einmal mehr die Verantwortung für sein Handeln abgenommen, und Tonnen von noch essbaren Lebensmitteln werden jährlich weggeworfen. Was es mit dem MHD und dem Verbrauchsdatum aufsich hat, erläutert Frau Küchenlatein fachverständig hier und hier.

Dessert aus Würfeln von altbackenem Brot, geschmorten
Äpfeln und Vanille-Eis.
Aber die Fähigkeit, einen Einkauf zu planen oder Reste zu verwerten, scheint in der Gesellschaft stark abgenommen zu haben. Ich komme aus einer Familie, in der Hunger in der Eltern- und Großelterngeneration erlebt wurde, durch Krieg, Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft, diverse Wechselfälle des Lebens. Auch wenn meine Eltern irgendwann wohlhabend genug waren, um oft essen zu gehen, meine Mutter jahrzehntelang ungern kochte: Lebensmittel zu verschwenden, wegzuwerfen, stand nie zur Debatte.

Wenn die Save-Food-Initiative dazu beiträgt, dass mehr Menschen bewusster einkaufen, dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden, wäre viel erreicht. Tipps und Ideen gegen die Lebensmittelverschwendung gibt es auf der Save-Food-Facebook-Seite.

Vielen Dank an Edelman-PR für Einladung und Organisation, an die freundliche und flinke Unterstützung seitens der Mitarbeiterin der Hamburger Kochschule und ein Extra-Dank an Andreas C. Studer für die interessanten Gespräche und die vielen Küsse. Mal schauen, ob die Herrn Witzigmann schlagen können.

Hier geht's zum Bericht von Frau Küchenlatein.

Kommentare:

  1. Danke, dass ich in deinem Schlepptau mit durfte. Merke: Scharfe Messer machen glatte Schnitte, sind aber zum Fingernagel kürzen denkbar ungeeignet.

    wir sind ganz schön fortgeschritten, wie?

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  2. eine Portion für mich, zwei für den Gatten, aber es sieht nicht so aus - das klingt wie eine Beschreibung meines Alltags ;). Ich war zu dem Termin eingeladen, hab's aber wegen zu viel Arbeit auf dem Tisch nicht geschafft. So wie Du das sehr lebensecht beschreibst (ich kann mir Frau Küchenlatein beim Schnappatmen bildlich vorstellen) hätt ich mich da wohl auch ein wenig aufgeregt...

    Das mit der Resteverwertung und -verplanung finde ich auch immer wieder erstaunlich; wir haben ja im Kochbuch für Geeks sogar extra dazu was geschrieben, sinngemäß: Reste sind das beste was Euch passieren kann. Ja ich schmeisse auch mal was weg das ich im Kühlschrank vergessen habe, klar, aber grundsätzlich wird hier nix weg geworfen, das nicht schon Hallo zu mir sagen kann ... Ich hab aber auch Kollegen gehabt die (trotz knappen Einkommens) meinten "ieh nee Reste vom Vortag, das kann ich nicht essen, das ist doch bäh" (???)

    Ich stimme Dir/Euch zu, Foodblogger sind da irgendwie nicht die Zielgruppe, auch bei uns wird (mit ganz seltenen Ausnahmen wie französischem Cassoulet aus der Dose) alles selbst gekocht, und die - um Küchenlatein zu zitieren - nach unten offene Nachkochliste bietet immer genug Inspiration.

    Den Faktor, das viele der so genannten Food- und Fachjournalisten eigentlich von Kochen keine rechte Ahnung haben habe ich schon mehrfach bei solchen PR Veranstaltungen erlebt; eigentlich ist das erschreckend.

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  3. Interessanter Bericht, und irgendwie schon erschreckend wie schlecht die "jugend" Basics beherrscht, kann da aus meinem Freundeskreis das gleiche berichten.

    Lebensmittel wegwerfen hat sich seit ich Blogge deutlich reduziert - morgen geht es z.B. in Urlaub und ich war die Woche nicht einkaufen, da die kompletten Reste im Kühlschrank gut verwendet wurden.

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  4. Danke für den erfrischenden Beitrag. Vor allem die schnappatmende Frau Küchenlatein liess mich schmunzeln.

    Hier in meiner Küche wird auch nox verschwendet oder weggeworfen was nicht schon von alleine aus dem Kühlschrank gehen kann.
    Ich geh zwar mit Liste einkaufen, aber eine Liste was ich die nächste Woche kochen will mach ich dennoch nicht, dafür bin ich zu sehr Wassermann und ändere meine Meinung zu oft.

    Ich finde es aber nach wie vor erschreckend wie sorglos viele Menschen mit Lebensmitteln umgehen :(

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  5. @ Ulrike,
    ja, so fortgeschiritten, dass ich heute fast schon Nivea statt Kakaobutter gekauft hätte. Schön, dass Du mitgekommen bist!

    @ Foodfreak,
    das war meine erste Veranstaltung mit Foodjournalisten. Ansonsten hatte ich es in den letzten beiden Jahren als freiberufliche Tippse mit einem Bereich zu tun, in dem es nur eine Handvoll Fachjournalisten gibt, die sich dafür aber bestens auskennen und - bis auf mich - allesamt Männer sind. Da erwartete von mir als Frau keiner Sachverstand ... Bei den nächsten Terminen mit der Food-Fachpresse bin ich vorgewarnt ... Hm, vielleicht sollte ich mich und meinen Foodie-Sachverstand mal auf den Markt werfen? *grübel*

    @ lunchforone,
    schönen Urlaub! Der Vorurlaubstag ist bei uns der, an dem alles in den Tiefkühler oder zur Schwiegermutter kommt, was nicht mehr gegessen werden kann - oder es kommt in die Kühlbox, wenn wir ins Ferienhaus fahren.

    @ Astrid,
    die Liste hilft uns auch, Verschwendung zu vermeiden - so à la: Wenn wir dafür morgen Tomaten brauchen, können wir gleich mehr kaufen und übermorgen die Reste mit Tomatensalat essen ... Bringt also mächtig Ordnung in unser Chaos, denn wir sind beide gerne mal grundverpeilt.

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  6. Das Event war bestimmt interessant, einschließlich der schnappatmenden Frau Küchenlatein. LG

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  7. Danke für den Bericht. Ich habs ja schon geschrieben, den Studie hätte ich gerne mal getroffen. Vielleicht klappt es ja ein anderes Mal. :-)

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  8. Aaaaahhhh! Das ist zuviel für mich. Klicke bitte auf den Link zu Frau Küchenlatein am Ende deines - wie immer - köstlichen Berichts.

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