Donnerstag, 1. September 2011

Food Porn und Blind Dates X: Wir ziehen blank, zeigen Brust und Haut

Heute sind sie dran, unsere Blind Dates. Heute kochen sie im Fernsehen. Die beiden sind nach Hamburg gekommen, um die TV-Sendung "Topfgeldjäger" zu aufzuzeichnen, die werktags im ZDF um 15.05 Uhr läuft. Während Heidi, Ulrike und ich kommod beim Frühstück sitzen, sind die beiden schon lange im Studio und bekommen die Haare schön.

Das Prinzip der Sendung ist einfach: Zwei Frauen kochen gegen zwei Männer. Es gibt eine Handvoll Grundzutaten. Alle anderen Zutaten, also den Warenkorb, erfährt man erst unmittelbar zur Sendung. Daraus sind dann in maximal 45 Minuten drei Gänge zu zaubern, die nur einem schmecken müssen: Frank Rosin. Er ist der Juror. Moderiert wird das Ganze von Steffen Henssler. Beide polarisieren. Beide finde ich sympathisch. Ich mag Menschen, die klare Ansagen machen, die austeilen und einstecken können.

Jetzt bin ich zum ersten Mal zu einer Aufzeichnung. Als wir am frühen Nachmittag im Studio ankommen, herrscht hektische Betriebsamkeit. Eine Sendung wird gerade aufgezeichnet, zwei werden noch folgen. Ich bin total nervös und sage, wir seien die Begleitung von Bushcook und Heike Essen von Au. Äh, Moment, die heißen doch anders? Egal, wir kommen in den Aufenthaltsraum für Begleitungen und wartende Kandidaten, werden gemustert von den anderen Wartenden. Sind zwei von uns womöglich Kandidaten, also Konkurrenz? Oder warten wir auf unsere kochenden Männer? Wir belegen eine der beiden Sofa-Landschaften und beobachten, was sich tut.

Auf einem der Bildschirme läuft die aktuelle Aufzeichnung. Das Männerteam, die Klippenspringer, ist gut. Sehr gut. Und im Gegensatz zu unseren Mädels stehen sie schon bei 4.000 Euro, kochen hier nicht zum ersten Mal. "Aber zum letzten Mal", meinte eine von uns. Das hat ein kleiner Junge auf dem Nachbarsofa gehört. "Mein Papa putzt sie alle weg!", kräht er. Heidi gibt zu bedenken, dass da gleich ein starkes Frauenteam käme und vielleicht den Papa wegputze. Nix da, meint der Kleine. Wütend stampft er mit den Füßchen auf , ballt die Fäuste und brüllt: "Mein Papa putzt sie alle weg!"

Kurze Zeit später hat der Papa tatsächlich das Frauenteam weggeputzt. Unsere Blind Dates kommen also als nächstes an die Reihe. Bis dahin wussten wir nicht, ob wir nicht vielleicht umsonst gekommen sind, denn es steht ja nicht vorher fest, welches Team weiterkommt. Wären die "Possierlichen Pädagoginnen" (wer bitte denkt sich so einen Namen aus?!) weiter gekommen, hätten wir gewartet. Und gewartet. So gefällt es uns besser. Wir machen uns also nackig, soll heißen: Wir ziehen uns um und halten uns bereit. Ursprünglich sollte nur ich alleine als Unterstützung im Publikum sitzen. Wir hatten gescherzt, ich könne Fähnchen schwenken, mit Hasen winken, Transparente hochhalten, Glitter werfen, Bärchen drücken, Wunderkerzen schwenken, Tröten tröten, Rasseln rasseln, kurz: Alles machen, was so richtig schön peinlich ist. Das war alles nicht ernst gemeint, aber als feststand, dass Heidi und Ulrike mit mir im Publikum sitzen würden, verselbstständigte sich diese Idee irgendwie.

Fan-Block und Stars ;o)
Heidi besorgte uns T-Shirts mit dem Aufdruck "Blind Date jagt Topfgeld". Ja, es ist peinlich. Aber nur ein bisschen.

Ich sehe in dem Teil aus wie eine Schlemmerrolle, aber was macht man nicht alles, um im Färnsähn zu komm. Ich kann mich noch nicht mal damit entschuldigen, dass ich jung war und das Geld brauchte. Ich bin alt und bekomme heute fürs Zum-Affen-machen kein Geld.

Und falls Du mich im Publikum entdeckst; mich kennst; weißt, wie ich normalerweise bin, wenn Kamera und Mikro auf mich gerichtet sind und Dich wunderst, warum ich so ungewohnt ruhig bin, lass' Dir gesagt sein: Ich bin vergrippt (vier Wochen später erfahre ich, dass ich seit Monaten Streptokokken-Angina habe), habe morgens meine Pillen vergessen, einen Bad Hair-Day, bin wegen einer Bindehautentzündung ungeschminkt und bebrillt, die Farbe meines Schmucks beißt sich mit der der Schrift auf dem T-Shirt, und es geht heute mal ausnahmsweise nicht um mich. Sonst wäre ich nie so ruhig gewesen, sondern wie üblich zur Rampensau mutiert.

Nachdem das Publikum Platz genommen hat, dürfen auch wir drei auf unsere Plätze. Wir bieten zweifellos einen starken Anblick. Jetzt heißt es gerade sitzen und Brust raus, schließlich soll man die Schrift auf den Shirts auch lesen können. Henssler ist von der Produktionsleitung gut gebrieft. Als er ins Studio kommt, fällt sein Blick geplant-zufällig auf uns. "Was ist das denn? Blind Date - jagt - Topfgeld? Seid Ihr der Fan-Block?" Von rechts nach links dreifaches Nicken. "Und? Könnt Ihr auch kochen?" Von rechts nach links zweifaches Nicken, einfaches heftiges Kopfschütteln. "Na, dann sehen wir uns ja vielleicht bald hier vorne wieder!" Von rechts nach links einfaches Nicken, zweifaches heftiges Kopfschütteln.  Dann haben wir unsere Ruhe, bis später in der Sendung zu einer Quizfrage, bei Henssler meint, wir könnten "Honey Pie" von den Beatles singen. Nö.

Schließlich kommen die Kandidaten ins Studio. Bushi sieht unerschütterlich aus. Dass sie Nerven zeigt, war meine größte Sorge. Heike wirkt sichtlich nervös. So war das nicht gedacht. Wenn das man gut geht. Immerhin haben die Jungs, gegen die sie antreten, schon Erfahrung mit der für die Mädels ungewohnten Küche. Sie wissen, wo alles steht, wo der Herd hakt, dass die Messer stumpf sind ... Die Mädels werden quasi ins kalte Wasser geschmissen. Andererseits: Wenn jemand schwimmen kann, dann sie.  Schnell machen sie die ersten Handgriffe. Nur keinen Stillstand. Die Zeit drängt. Von unserer Position sehen wir kaum mehr als Köpfe und Rücken. Aber dass die beiden unermüdlich in Bewegung sind, wird auch so deutlich. Badisches Tsatsiki mit Räucherlachs, Zander auf Linsengemüse und Pfirsich-Tarte wollen sie servieren. Hört sich gut an. Ich habe total ausgeblendet, was die Jungs kochen wollen, weiß nur noch, dass es sich auch gut anhörte.

Henssler lässt den Mädels Zeit, sich einzugewöhnen. Dann aber ist er da, hält sich an Heike, erwähnt mehrfach, dass sie die "Küchenschlacht" gewann, ebenfalls eine Kochsendung im ZDF-Nachmittagsprogramm. Heike hält Bushi den Rücken frei und baggert Henssler an. Vorwärtsverteidigung. Gute Taktik. Schließlich wird auch Bushi ins Gespräch einbezogen. Und sie macht gleich klar, wo der Hammer hängt. Die Positionen sind klar verteilt. Heike baggert, Bushi ballert. Und als Henssler irgendwann später mal um Gnade fleht, sagt Bushi ihm knallhart, er solle sich nicht so haben, er brauche das. Coole Säue. Alle drei. Während der ganzen Zeit arbeiten Bushi und Heike unermüdlich weiter. Nur keinen Stillstand. Einszweidrei im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit. Schließlich ist die letzte Minute angebrochen. Die Mädels richten auf Schwarz an. Alle Teller stehen rechtzeitig vorne. 

So sieht eine aus, die gerade
zwei Männer über die
Klippe springen ließ.
Frank Rosin betritt das Studio, nimmt Platz, öffnet die Vorspeisen-Clochen, probiert Weiß zuerst, dann Schwarz. Ehrlich, ich habe komplett ausgeblendet, was er sagte. Ich glaube, er stolperte über das Badische beim Tsatsiki. Die Hauptspeisen-Clochen werden geöffnet. Wieder kommt Weiß zuerst dran. Als er den "schwarzen" Teller probiert, wusste ich, die Sache ist gelaufen. Bushi servierte nicht nur Zander auf Linsengemüse, sie servierte die Haut als Chip. Rosin war einen klitzekleinen Moment sprachlos. Und einfach glücklich. Da war's egal, dass die Linsen zu bissfest waren. Noch das Dessert, dann ist wirklich klar: Die Mädels haben durch Hautzeigen die erste Runde gewuppt. Die wissen ihre Waffen einzusetzen. Wir drei im Publikum brüllen, kreischen, schreien, klatschen, was das Zeug hält. Hoffentlich sieht keiner, wie wir uns hier benehmen. Ich mache mir kurz Gedanken, ob die Tribüne standhält. Egal. Und noch Stunden später habe ich so ein komisches Pfeifen in den Ohren. Woher bloß?     

Wir müssen uns noch ein wenig gedulden, bis wir zu den beiden können, um ihnen zu gratulieren. Kennenlernen, Knuddeln, Gruppenfoto, ein kurzer Blick auf den Warenkorb der nächsten Sendung, dann werden die Mädels wieder in die Maske gezerrt. Wir gehen wieder in den Aufenthaltsraum und warten auf den Beginn der nächsten Aufzeichnung.

Während wir feiern, weint ein kleiner Junge bitterliche Tränen.

Wie's weiter geht, siehst Du morgen um 15.05 Uhr im ZDF. Und nach der Sendung kannst Du hier wieder meine Eindrücke lesen.

Weitere Topfgeldjäger-Berichte bei Hamburg kocht!:
Vorbericht von 31. August 2011
Topfgeldjäger am 1. September 2011
Topfgeldjäger am 2. September 2011
Topfgeldjäger am 5. September 2011
Topfgeldjäger am 6. September 2011

Frau Küchenlateins Blind Dates

Topfgeldjäger-Berichte von denen, die kochten:
Bushcooks Kitchen:
Erst das Vergnügen, dann die Arbeit
Warum?
Durchschnaufen
Finale
Nachlese

Heike Essen von Au:
Warenkorb vom 1. September 2011
Warenkorb vom 2. September 2011
Wochenende
Finale
Nachlese

Kommentare:

  1. Mei, der Eintrag ist ja so spannend wie die Sendung - das hast du aber sowas von geschmeidig rübergebracht, also, das drucke ich mir aus.

    Wir lernen:

    1. Das Leben ist kein Wunschkonzert.

    2. Possierlich kann nicht nur die Steinlaus sein.

    3. Ihr seid derart verrückte Nudeln, wenn ich es nicht schon wüßte, hätte ich heute gelernt, dass ich euch hammermäßig toll finde.

    4. Wer schöner ist als du, der ist geschminkt.

    5. Ich freu mich auf morgen :-))))

    AntwortenLöschen
  2. Klasse geschrieben. Da muss man fast die Sendung nicht gesehen haben. Fast, wohlgemerkt.

    So ganz habe ich das Prinzip immer noch nicht verstanden. Die nächste Runde (samt Aufzeichnung) folgte auf dem Fuß? Heißt, Du weißt jetzt bereits, wie die Story weiter geht???

    AntwortenLöschen
  3. Es ist alle abgedreht. Ja, sie kennt unser Scheitern....

    AntwortenLöschen
  4. Gut, wenn man so eine treue Fangemeinde hat!

    AntwortenLöschen
  5. Ich melde mich kurz anonym von weit weg ;o) Irgendwie klsppt es hier mit dem Einloggen nicht.

    Danke für da nette Feedback.

    @ multikulinaria, es werden pro Tag drei Sendungen am Stück gedreht. Kann laos für die, die kochen, ziemlich stressig sein.

    Sabine / kaoskoch

    AntwortenLöschen

Ein Kommentar, wie schön! Ich bemühe mich, alle Kommentare zu beantworten. Allerdings kann das manchmal etwas dauern - das Leben neben dem Blog, Du verstehst. Wenn Du Dich durch eine Sicherheitsabfrage quälen musst oder der Kommentar erst moderiert wird, heißt das, dass es gerade viele Spamkommentare gibt. Last but not least: Ich behalte mir vor, einzelne Kommentare zu löschen. Für die Löschung von Kommentaren, die zu kommerziellen Webseiten führen, stelle ich dem Webseiteninhaber 200 Euro in Rechnung.